Eine kleine Radreise im Spätherbst 2025 als Überwindungstest :-)

Die Jahreszeit ist ja nicht grad prädestiniert für's Radfahren. Nachdem ich aber - zwar erst spät im Herbst - nach meinem Unfall wieder brav trainiert habe und das Rad und ein großer Teil meiner Ausrüstung neu sind, möchte ich das Material und vor allem meine psychische Leistungsfähigkeit testen. Ich möchte wissen, ob ich mich auch bei diesem Sauwetter überwinden kann. Außerdem ist Sylvia derzeit auf ReHa.

Gesamtstrecke bis 5.12.2025

6 Tage, 381 km, 2590 hm

Tag 1, 30. November, Sonntag, Kirchberg - Weinzettl

Tagesstrecke: 37 km, 205 hm
Gesamtstrecke: 37 km, 205 hm

Bei Sonnenschein und 7 Grad fahre ich in Kirchberg weg, ab Obergrafendorf ist es bedeckt bis nebelig. Von Pyhra geht's über "die Berge von Ebersreit" nach Weinzettl zu Dani und Familie, wo ich die erste Nacht verbringen kann. Ich nasche ein wenig von den frisch gebackenen Weihnachtskeksen und kann nach der Dusche Dani und Elina nach Pyhra begleiten, wo Elina bei einem Weihnachtskonzert in der Kirche einen Auftritt mit ihrem Geigenensemble aus der Musikschule hat. Abendessen und Plaudereien runden den Tag ab.

Tag 2,1. Dezember, Weinzettl - Wien, Liesing

Tagesstrecke: 52 km, 310 hm
Gesamtstrecke: 89 km, 515 hm

Heute starte ich nach einem kräftigen Frühstück nach Liesing zu Richi und seiner Familie - mein Quartier für die 2. Nacht. Es ist den ganzen Tag nass und kalt, erst gegen Ende erreicht die Temperatur aber sogar 11 Grad. Einige Bergwertungen sind zu bestehen und ich bin zur geplanten Zeit am Ziel. Nach Kaffee, Dusche und einer kleinen Mahlzeit kann ich Zeit mit Freya und Fredrik verbringen. Beim Schupfen von Fredrik merke ich die positive Wirkung meines vom Physiotherapeuten verordneten Trainingsprogramms für den Schultergürtel. Abendessen und Plaudern runden auch heute den Tag ab.

Tag 3, 2. Dezember, Wien, Liesing - Senftenberg

Tagesstrecke: 89 km, 420 hm
Gesamtstrecke: 178 km, 935 hm
Viel längere Strecken sind aufgrund des Tageslichts und der Witterung um diese Jahreszeit nicht drin.

In der letzten Stunde vor dem Aufstehen habe ich Besuch von zwei kuschelnden Enkelkindern. Das gibt Zuversicht für den Tag.
Die heutige Tour ist geprägt von einer Temperatur um die 2 Grad, meistens nassen Straßen, hoher Luftfeuchtigkeit durch Nebelreißen und dadurch häufig beschlagener Brille, vor allem bergauf. Nach den gestrigen Recherchen sollten es heute etwa 80 Kilometer werden. Der schnelle Entschluss, kurz nach Untertullnerbach nicht über Irenental, sondern über Purkersdorf zu fahren bringt ein paar Mehrkilometer, erspart vermutlich aber einige Höhenmeter - obwohl auch der Riederberg eine kleine Bergwertung bedeutet. Zwischen Brunnkirchen und Krems steht ein Verbotsschild für Fahrräder, das ich nicht ignoriere. Daher habe ich wieder ein paar Zusatzkilometer zu radeln - nicht zuletzt wegen einer kleinen Irrfahrt.
Für Kaffee, Mehlspeise und ein wenig Aufwärmen bleib ich spontan in Trasdorf stehen. Dort zahle ich 7 Euro 50 statt 7 Euro 70, weil ich nicht mehr Bargeld habe und das Zahlen mit Karte nicht erwünscht ist. Die Bedienerin nimmts mit Humor, ich mit schlechtem Gewissen. In Traismauer geht's daher gleich zum Bankomaten.
Ziemlich durchgefroren erreiche ich trotz der Verlängerung planmäßig weit vor Einbruch der Dunkelheit das gestern gebuchte Hotel Zierlinger in Senftenberg. Ich bin dort der einzige Gast, bekomme aber trotzdem ein Schnitzel und ein Bier. Durch das Licht im Gastzimmer angezogen, finden sich auch noch ein paar Einheimische ein. Dadurch kann ich ein wenig dem Ortstratsch, dem üblichen Wirtshausschmäh und -sud zuhören, ein wenig mitreden und noch den Eigenbauwein des Wirten, einen Pinot Noir aus 2014 verkosten.
Daneben sichere ich mir ein Zimmer in Langschlag, das morgige Frühstück und für übermorgen eine weitere Übernachtung hier im Hotel Zierlinger für die Rückreise nach Kirchberg.
Robert besuche ich übrigens am kommenden Wochenende, mit Anhänger, um ihm beim Übersiedeln in eine neue Wohnung zu helfen.

Tag 4, 3. Dezember, Senftenberg - Langschlag

Tagesstrecke: 69 km, 900 hm
Gesamtstrecke: 247 km, 1835 hm

Am Morgen bin ich schon ein wenig nachdenklich, ob ich mir das wirklich noch weiter antue. Nach dem üblichen Morgenprocedere (Kaffee, ein umfangreiches Frühstück und Klobesuch :-) ) aber kehrt die Zuversicht wieder ein.
Ein bisschen tausche ich mich noch mit dem Wirten aus und kurz vor 10 mache ich mich auf den Weg. Ziemlich bald geht es bergauf, bis Marbach im Feld bin ich schweißnass. Abb dann wird es etwas stressig: die B37 und B38 sind viel befahrene Straßen, es ist nass, nebelig und kalt und ich bin ein wenig gestresst durch den Gedanken vielleicht nicht gesehen zu werden. Ich merke zwar bald, dass meine blinkenden Lichter ihre Wirkung nicht verfehlen: Ich werde immer in großem Bogen überholt. Trotzdem weiche ich teilweise auf Nebenstraßen aus und manchmal fahre ich auf den Wirtschaftswegen neben der Bundesstraße.
Eine erste Pause mit Kaffee und einem Schinkenweckerl gibt's um 12:30 in Zwettl. Danach wird der Verkehr ruhiger, es bleiben aber weiterhin der Nebel und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Manchmal liegt Schnee neben der Straße und ich achte sehr genau darauf, ob der Asphalt angeeist ist.
Kurz vor 3 erreiche ich planmäßig den Waldviertlerhof in Langschlag. Langschlag ist ein Ziel mit Tradition - Es steht einmal im Jahr mit dem Rad, darüber hinaus mit dem Auto auf dem Plan, weil ich dort viel Zeit von Kindheit an bei meiner verstorbenen "Tante Mitzi" verbracht habe. Die Wirtsfamilie freut sich ehrlich über die Grüße, die ich vom letzten Wirten in Senftenberg ausrichte. Und ich spüre die 900 Höhenmeter bei dieser Temperatur doch ein wenig im Oberschenkel...
Nachdem im Waldviertlerhof heute Ruhetag ist, wird mir zum Abendessen das "Lagosol" empfohlen: Neu für mich, obwohl es schon ein paar Jahre existiert, 10 Minuten Fußweg, ein sehr schönes Ambiente, gute Stimmung und echt gutes Essen - und motivierend zum Schreiben des Tagebuchs. Angeblich ist der Besitzer derselbe wie vom Stüberl am Frauenwieser Teich.

Sehr zufrieden bin ich mit meiner Ausrüstung: Die neuen Beinlinge halten problemlos warm, die Überhose ist bis 0 Grad nicht notwendig. Das Zwiebelprinzip und die absolut wind- und wasserdichte Jacke bewähren sich wie immer. Einzig der Ladeanschluss beim Handy sollte vor Spritzwasser geschützt werden. Ich müsste eigentlich nur die Stöpsel, die ich dafür habe, doch ins Reisegepäck geben ...

Tag 5, 4. Dezember, Langschlag - Senftenberg

Tagesstrecke: 69 km, 495 hm
Gesamtstrecke: 316 km, 2330 hm

Bei der Abfahrt in Langschlag hat es noch ein paar Grad unter Null. Es wird den ganzen Tag auch nicht wirklich wärmer, trotzdem reicht die Kleidung wie gestern. Die Straße ist zwar nass, aber eisfrei (sonst hätte ich abgebrochen). Zumindest bis Zwettl ist die Sicht und das "Gesehen werden" deutlich besser als gestern.
In Zwettl gibt's einen ersten "Aufwärmkaffee" mit einer Mohnzelte, dann geht es wieder wie gestern meist über die Wirtschaftswege neben der Bundesstraße bis Marbach im Felde. Nachdem mein Wirtschaftsweg kurz vor dem Ottensteiner Stausee endet, wechsle ich über die Böschung auf die B38, dann wieder über Rastenfeld auf ruhigeren Straßen und über das kalte Niedergrünbach muss ich rauf nach Obergrünbach bis Lichtenau, wo ich einen Orientierungsstopp brauche, weil mir die Straße im dichten Nebel fremd vorkommt. Feuchtigkeit und Kälte sind vermutlich daran schuld, dass dabei die Bedienbarkeit des Handys zu wünschen übrig lässt. Der kalte Nebel begleitet mich noch durch Loiwein und runter über den "Serpentinenberg" (ein Ausruck aus meiner Kindheit) bis ins Kremstal, die Kälte bis zum Schluss. Dabei bekomme ich eine leichte Ahnung davon, wie Körper und Geist beeinträchtigt werden, wenn man der Kälte zu lange ausgesetzt ist.
Um 14:00 erreiche ich das Hotel Zierlinger. Es ist offen aber unbesetzt. Für mich liegt ein Zettel mit einer Telefonnummer auf der Theke. Ich wähle, und Herr Zierlinger sagt mir, dass ich mir den Zimmerschlüssel selbst nehmen soll und fragt was und wann ich essen möchte.
An meiner Kleidung ist heute kein einziger Schweißtropfen, ich nehme eine heiße Dusche und wärme mich im Bett. Dann geht es ans Organisieren, Schreiben, Abendessen. Ich darf auch nach dem Essen noch sitzenbleiben, der Wirt hat geöffnet und hofft wieder auf ein paar Einheimische ...

Tag 6, 5. Dezember, Senftenberg - Kirchberg

Tagesstrecke: 65 km, 260 hm
Gesamtstrecke: 381 km, 2590 hm

Während des Frühstücks regnet es noch richtig, bei der Abfahrt ein wenig. Ich verzichte auf die Regenhose, die Beinlinge halten den ganzen Tag dicht, schließlich hört es bald auf zu regnen. Ab Mautern fahre ich mit Bauchweh - ich muss in Paudorf über die Kreuzung, an der mich die Autolenkerin Anfang Juni übrsehen hat. 100 Meter nach der Kreuzung liegt ein Kaffeehaus - ich entspanne bei Kaffee und Topfengolatsche und betrachte den Unfall damit als bearbeitet ;-)
Danach wird der Regen von kräftigem Wind aus Süd bis West abgelöst, das bedeutet für mich entweder energieraubenden Gegenwind oder gefährlichen Seitenwind. Ich komm daher nur sehr langsam bis Obergrafendorf. Dort mache ich die nächste Pause bei der Bäckerei Hager :-). Ich setze mich grad nieder, da kommt ein zweiter Radfahrer rein: Mario, ein noch aktiver Kollege. Er hat mein Rad draußen gesehen und hat beschlossen nachzuschauen, welcher Spinner um diese Jahreszeit mit dem Rad unterwegs ist. :-)
Ich bin noch keine 15 Minuten daheim, als der UPS-Bote meinen neuen Laptop liefert, was er laut Sendungsverfolgung gestern schon versucht hat. Dann stelle ich mich unter die heiße Dusche, heize den Kachelofen, wärme mir eines von Sylvias Fertiggerichten aus dem Gefrierschrank und bereite mich für die morgige Übersiedelung mit Robert vor.
Und das Resümee: Ich bin zwar jetzt etwas müde, aber im Nachhinein betrachtet war alles ganz einfach, in der Situation manchmal ein wenig fragwürdig, aber nie im Grenzbereich. Ich glaube, dass ich meinen selbstauferlegten Test bestanden habe :-)











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