Nach meiner erfolgreichen Radreise im Sommer 2022 durch die USA, vom Atlantik zum Pazifik, von New York nach Seattle habe ich
zweimal versucht, diese Reise fortzusetzen und Alaska zu erreichen. 2023 in Seattle gestartet, habe ich im kanadischen Städtchen
Hope aus mentalen Gründen abgebrochen und bin zurückgefahren nach Seattle. 2024 in Vancouver gestartet, habe ich wieder in Hope
aufgegeben, aus den gleichen Gründen. Ich habe mir damals geschworen, dieses Kapitel ein für allemal zu beenden. Nicht zuletzt
deswegen gäbe es jetzt viele Alternativen zur nüchternen Überschrift "Rad Amerika 2026", etwa der altbekannte Spruch:
Sag niemals nie
Denn in meinem tiefsten Inneren war das Gesamtpaket Amerika noch nicht abgeschlossen. Immer noch bin ich fasziniert von der
Landschaft und der Natur der Länder, durch die die Reise führen sollte.
Passend wäre natürlich auch:
Man hat immer drei Versuche und daher: Einmal geht's noch
Und nachdem ich im Jänner dieses Jahres meinen 66. Geburtstag feiern konnte, passt auch ein Lied von Udo Jürgens:
Mit 66 Jahren - da fängt das Leben an!
Wer das Lied nicht kennt oder gerne hört:
Apropos Anfang - Am 11. Juni 2025 kann ich nach einem schweren Radunfall meinen zweiten Geburtstag feiern:
Bei der Abfahrt vom "Göttweiger" in Paudorf bin ich von einer Autolenkerin übersehen worden, mit hoher Geschwindigkeit in das
Auto gekracht, habe Kotflügel, Windschutzscheibe und noch ein paar Kleinigkeiten zerstört und bin auf der anderen Seite des Autos
mit dem Kopf aufgeschlagen. Der Helm hat eine Kopfverletzung verhindert, aber ein gebrochener Wirbelbogen in der Halswirbelsäule,
ein zerfranstes Ohrwaschl, Prellungen und blaue Flecken am ganzen Körper waren die Folge - und eine entsprechend lange Zeit für
die Wiederherstellung. Dass mein Rad kaputt war, ergibt sich fast von selbst.
Und damit bin ich bei der nächsten passenden Überschrift:
Jetzt erst recht
Ich habe viel und erfolgreich an meiner Wiederherstellung gearbeitet. Das hat mich zwar ein wenig an das Aufsetzen eines neuen
Betriebssystems auf einen alten Computer erinnert - ein wenig langsam bei der Hardware - aber danach läuft einiges sogar besser
als vorher. Manches tut manchmal noch immer ein wenig weh, aber das ist wurscht. Ich habe mir ein neues Rad gekauft, das
reisetaugliche "Checkpoint", ein Gravelbike von TREK. Dazugekommen ist dann noch passendes Equipment für Radreisen. Und
im Spätherbst habe ich bei wiedrigsten Wetterbedingungen alles auf einer mehrtägigen Fahrt getestet - die Lust nach mehr ist
wieder gewachsen. Schließlich ist mit dem Schmerzensgeld dann noch die Frage nach seiner "widmungsgemäßen" Verwendung
aufgekommen: Damit wäre das Budget für eine sehr lange Radreise gedeckt ...
Jost Kobusch, ein Extrembergsteiger hat als eines seiner Erfolgsrezepte:
Scheitern ist ein Teil des Lernprozesses
... und wenn der Lernprozess sinnvoll sein soll, dann muss man nachher weitermachen. Rückschläge und Krisen zu überwinden
macht einen nur stärker. Neugierig zu bleiben und weiter lernen zu wollen halten jung und verändern den Alltag, der sich (auch)
in der Pension einzuschleichen droht.
Und außerdem ...
... habe ich viel nachgedacht über die Gründe meines Abbruchs, die ich damals schon beschrieben habe, und zu denen sich noch
weitere gesellt haben, die mir erst nach und nach bewusst geworden sind:
Da ist etwa meine, ich glaube sogar unsere Abhängigkeit vom Handy: der Ärger und Frust, wenn da nichts geht, wenn der Empfang
schlecht oder nicht vorhanden ist, die Angst, dass man dann ja nichts damit tun kann, dass man dann vielleicht einfach nur
"Löcher in die Luft schauen" kann, die "Seele baumeln lassen" muss oder sich mit sich selbst beschäftigen müsste.
Ich glaube, dass es eine Voraussetzung für diese Tour ist, das zu können. Und ich habe geübt ...
Da ist außerdem eine schlechte Vorbereitung des "How to" für mehrere Tage ohne Stützpunkt, für ein paar Hundert Kilometer ohne
irgendwas. Anstelle eines klaren Konzepts, war da eher ein "wird schon irgendwie gehen", also das Nicht-Einhalten der eigenen
Erfolgsrezepte, die ich im Rahmen der USA-Tour festgehalten habe. Ich habe viel recherchiert und nachgedacht in den letzten
Monaten und Wochen, rein rational habe ich das jetzt im Griff ...
Da sind der Jetlag und einige Ernährungsfehler: Erdnüsse etwa bewirken einen schlechten Bauch, schlechter Bauch bewirkt
Depressionen - ich esse seit Monaten keine Erdnüsse mehr, nehme Vitamin B, das gut für die Nerven ist und habe ein paar
Mittelchen, die mir in den ersten Tagen helfen sollen, den Jetlag zu überwinden. Ich trinke außerdem weniger Kaffee - der damit
verbundene Flüssigkeitsverlust ist schlecht für die Leistungsfähigkeit beim Sport.
Ein paar Tage vor und nach der Entscheidung zur Buchung der Flüge ist da viel Kribbeln im Bauch gewesen, insgesamt aber fühle
ich mich mental stark. Ich habe (mit dem Alter und den nachlassenden Hormonen?) an Gelassenheit gewonnen. Die Aufbruchstimmung,
die Vorbereitungen in den letzten Wochen tun mir richtig gut. Einige Trainingsfahrten und ein paar Arztbesuche bestätigen mir
einen guten körperlichen Zustand. Und ich komme diesmal nicht erst in Hope drauf, dass das halt kein Spaziergang wird - ich weiß
jetzt schon, dass ich mich manchmal schinden werde.
Ich werde noch weitere Trainingsfahrten machen, wichtige soziale Kontakte pflegen und am 3. Juni in den Flieger nach
Vancouver einsteigen. Nach 41 teilweise sehr einsamen Tagen und etwa 3500 Kilometern mit hoffentlich nur harmlosen Bärenkontakten
sollte Fairbanks in Alaska erreicht sein. Der Rückflug von dort nach Wien ist schon gebucht. Er nimmt nicht zuletzt wegen
der Zeitverschiebung zwei Tage in Anspruch, den 16. und 17. Juli.
Tagwache ist heute um 5:30, ohne Frühstück geht's mit Sylvia per Auto zum Flughafen. Abgesehen davon, dass wir beim Aussteigen
kurz in der Abschleppzone stehen, läuft alles wie am Schnürchen: Während Sylvia einen besseren Parkplatz findet, kann ich den
Radkarton mit meiner gesamten Ausrüstung (abgesehen vom Handgepäck) einchecken. Es ist noch Zeit für ein gemeinsames kleines
Frühstück, aber dann geht's an die Verabschiedung und reibungslos durch den Security-Check. Den CheckIn habe ich gestern schon
erledigt. Start nach und Landung in Zürich sind pünktlich, sodass mir nach Finden des Gates Richtung Vancouver noch viel Zeit
für eine Jause und ein erstes Relaxen bleibt.
Der Langstreckenflug bietet viel Zeit: Einige Sudokus lösen, Bordverpflegung genießen, Tagebuch schreiben, einen Film schauen,
den Stand auf der Flugroute checken und viel fadisieren - dann ist Vancouver erreicht. Die Passkontrolle ist rasch erledigt und
das Rad schnell gefunden - allerdings mit ziemlich lädiertem Karton. Ein Taxi bringt mich zum gebuchten Motel in Richmont, das
ich schon aus 2024 kenne.
Dort stelle ich mit Freude fest, dass das Rad keinen Schaden hat, und baue es in aller Ruhe zusammen. Dann gibt's Essen in der
Umgebung, ein wenig recherchieren und ziemlich schnell geht es nach einem um neun Stunden verlängerten Tag ins Bett.
Beim Flug nach Vancouver (etwa 10 Stunden) bleibt auch wieder Zeit zum Reflektieren der letzten Wochen und Tage:
Vieles läuft schon gewohnt: Die Beschaffung des ESTA für die USA (Alaska), des ETA für Kanada und das Ausfüllen der
Einreiseformalitäten für Kanada mit der ArriveCan-App. Der Abschluss einer Reiseversicherung geht mit der Buchung über Ruefa.
Das Rad erhält ein umfassendes Service bei TREK St. Pölten. Außerdem wird dort mein Rad fachmännisch und gratis (danke dafür!)
für den Flug zerlegt, daheim kommt es in einen Karton von bikeflip. Der Rest der im Wesentlichen gleichen Ausrüstung wie bisher
wird als Füllmaterial und damit als Schutz gegen Stöße verwendet. Nur die Elektronik und ein paar weitere Kleinigkeiten kommen
in den neuen, etwas kleineren Rucksack als Handgepäck.
In den letzten Tagen habe ich noch ein paar kleine Wehwechen zu behandeln, und ich beobachte mit Freude, dass ich noch nie so
entspannt vor der Abreise war. Nur ein Schnupfen verunsichert mich doch ein wenig - aber meiner Erfahrung nach vergeht der
(ohne Behandlung in 7 Tagen, mit Behandlung in einer Woche :-)). Und auch die Wettervorschau in British Columbien ist nicht
prickelnd, aber die kann in ein paar Tagen ganz anders sein.
Die Packordnung wird sich angesichts der neuen, gleichmäßiger am Rad verteilten Gepäcktaschen von Tailfin etwas verändern, das
wird aber im Laufe der Tour wachsen.
Nach wohltuenden sozialen Kontakten und mit guten Wünschen verabschiedet, habe ich mich heute auf den Weg gemacht. Ich bedanke
mich aufrichtig und innig bei meiner Frau Sylvia für ihre Unterstützung in allen Belangen, für das Verständnis und für die
Motivation, wenn manchmal Zweifel in mir aufgekommen sind.
Ich freue mich auf die Weite des Horizonts, die vielfältige Landschaft, die spannende Tierwelt, auf die einsamen Tage weitab
von der Zivilisation, wo auch mein geistiger Horizont wieder wachsen kann.
Die dargestellte Route ist zu kurz - ich bin in Abbotsford (19 km weiter östlich) im Wyndham Motel, habe aber beim Starbucks
vergessen, den Tracker wieder einzuschalten :-(
Tag 01: 91 km, 320 hm, maximale Höhe 106 m
Gesamtstrecke: 91 km, 320 hm, 1 Tag
Die erste Nachthälfte war einfach schlecht: totmüde, aber der Biorhythmus erlaubt mir kaum, zu schlafen. Das Wissen, dass das
eben so ist, ist ein wenig entspannend. Und ich nütze die Zeit sinnvoll zum Kauf einer eSim für Kanada, sie funktioniert seit
2:00 Uhr, hat unbeschränkt Daten und ausreichend Talk und SMS. Eine eSim hat den Vorteil, dass man in keinen Shop muss, alles
geht einfach übers Internet. Meine alte SIM-Karte aus 2024 hat sich nicht mehr aktivieren lassen, was natürlich auch zur
Schlaflosigkeit beigetragen hat. Ab 2:00 hab ich dann gut geschlafen, bin aber um 6:00 wieder wach.
Ich nutze die "senile Bettflucht" für die Planung der heutigen Route, das Herstellen einer vernünftigen Packordnung und geh
dann ins Cafe nebenan um ein kräftiges Frühstück. Die Kellnerin ist noch die gleiche wie 2024.
Schnell kaufe ich mir ein paar Kleinigkeiten, entsorge in Absprache mit dem Rezeptionisten meine Radbox und packe fertig.
Ich stelle fest, dass der Schnupfen besser wird, dass die Wetterprognose gut ist und dass ich (daher) entspannter werde.
Von Google maps gelotst fahre ich auf Straßen, Radwegen und Radstreifen aus der Stadt, genieße noch einen Blick auf die
Downtown von Vancouver und genieße die Bewegung, die nach dem lähmenden Flugtag gut tut.
Zur Abwechslung lasse ich mich einige Kilometer über einen Trail führen, irgenwann aber ist der (aus Hochwassergründen)
closed und ich muss Umdrehen und was Besseres finden. Mal auf der Straße, dann wieder auf einer wunderschönen Radroute durch
parkähnliches Gebiet finden die ersten 71 Kilometer bei einem Starbucks ein Ende. Es gibt Kaffee und Bananenkuchen.
Kurze Zeit später bin ich beim gestern gebuchten, aus 2024 bekannten Wyndham Motel in Abbotsford. Es wird geduscht, einige
Handgriffe werden erledigt, ein Motel in Hope wird gebucht (das Windsor Motel aus 2024 gibt es nicht mehr) und dann gehe ich
wie 2024 in das Abbey Road Taphouse um Fish and Chips (und ein leichtes Bier). Als abschließende Arbeit fülle ich noch das
mitgebrachte Reifendichtmittel ein, damit das System für die nächsten Wochen gut funktioniert.
Ein erfolgreicher, angenehmer Tag geht mit dem Schreiben und Hochladen des Tagebuchs zu Ende. Das Rad fährt sich sehr gut,
es ist natürlich durch die Beladung schwerer und anders zu behandeln als sonst, aber es läuft traumhaft und die Gewichtsverteilung
ist gelungen.
Ich wünsche mir, dass jeder der noch folgenden 40 Tage so gut wie heute verläuft. Guten Morgen Heimat.
Tag 02: 90 km, 130 hm, maximale Höhe 69 m
Gesamtstrecke: 181 km, 389 hm, 2 Tage
Ich habe die letzte Nacht wesentlich besser und vor allem lang geschlafen: Um 20:00 übermannt mich die Müdigkeit und es geht
bis 5:30 durch, zwar mit einigen Unterbrechungen aber einfach herrlich.
Ich beschließe, dass für die 90 Kilometer bis Hope keine Verpflegung notwendig ist (Energieriegel für den Notfall habe ich dabei),
überlege ein wenig die Strecke der nächsten Tage, die Versorgungs- und Nächtigungsmöglichkeiten, damit ich meine Emotionen
möglichst gut im Griff habe. Nur nicht zu weit nach vor schauen - das habe ich schon daheim gemacht! Das Frühstück im Motel ist
nicht toll, aber ausreichend für den Tag.
Ich starte um 8:00 bei starker Bewölkung, die noch vom Regen in der Nacht da ist. Vor 14:00 möchte ich in Hope sein, denn für
dann ist dort kräftiger Regen angekündigt. Als Route schlägt GoogleMaps mir die gleiche wie 2024 vor, aber auch eine etwas
kürzere Alternative. Meine Wahl fällt auf sie.
Die Startbedingungen erfordern Beinlinge, die Regenjacke und das Stirnband unter dem Helm. Bald kommt das Helmcover dazu, die
kurze Regenhose und auch die Regenschuhe sind bald am Mann. Fast 50 Kilometer sind durch Regen zu fahren. Bei einem DriveThru
bei Wendy's besorge ich schnell einen Wrap - entweder für den Notfall oder für ein kleines Lunch nach der Ankunft in Hope.
Die letzten 20 Kilometer verlaufen wieder auf der bekannten Strecke. Die Rest-Area, auf der ich mich 2024 mit einem alten
Motorradfahrer unterhalten habe, lädt auch nicht zum Verweilen ein, also entscheide ich mich für das Durchfahren. Schon um 12:30
ist daher das gebuchte Park Motel erreicht. Eine heiße Dusche dort tut nach der nasskalten Fahrt richtig gut.
Kurz scheint zwar am frühen Nachmittag die Sonne, ich bin aber während meines Lunchs und der "Büroarbeiten" richtig froh, dass
ich die Wetterprognose ernst genommen habe. Während es in Strömen regnet, buche ich das nächste Motel - schon VOR Lytton, wo ich
damals bei der Quartiersuche gescheitert bin und auch dieses Mal wieder nichts finde. Eine ungleiche Aufteilung der nächsten
beiden Tage erscheint mir beim derzeitigen emotionalen Stand sinnvoller, als ein "auf gut Glück und notfalls irgendwo campen".
Noch bin ich nicht so weit. Ich muss es mir noch gut gehen lassen um reinzuwachsen in das Abenteuer. Die körperliche
Leistungsfähigheit ist mir bewusst, aber über den Kopf bin ich mir noch nicht sicher. Der braucht Zeit zum Ankommen. Übermorgen
werde ich Cache Creek anpeilen.
Am Abend besorge ich mir im ebenfalls schon bekannten Outdoor-Shop Festbrennstoff und sturmsichere Zünder für meinen Ofen, denn
vorher hat ein Campieren sowieso keinen Sinn. Irgendwann kommt dann noch Oat-Meal dazu. Der Brennstoff liegt daheim im Keller,
durfte aber nicht im Flugzeug mitkommen. Und danch gibt's Dinner in Rolly's Restaurant - dort war vor 2 Jahren ein anderes Lokal,
das mir wegen eines Stromausfalls nur kaltes Essen und Limonade bieten konnte - heute gibt es Souvlaki und leichtes "local beer".
Hope hat gewonnen in den letzten beiden Jahren! Und morgen Früh (oder heute Nacht) gewinne ich!
Tag 03: 72 km, 792 hm, maximale Höhe 306 m
Gesamtstrecke: 253 km, 1181 hm, 3 Tage, daher: 84 km/d
Offene Strecke: will ich noch nicht wissen, Besenstrich für Besenstrich nähert man sich dem Gesamtziel :-)
Gestern habe ich nach dem Essen noch einen Abendspaziergang gemacht. Zum ersten Foto muss man wissen, dass Hope Drehort für
irgendeinen Stallone-Film war. Dann sieht man mein Quartier, das letzte Foto ist schon vom heutigen Start.
Ich habe wieder ein wenig besser gesschlafen, fast schon Pflicht in Hope ist aber das Aufkommen von Zweifeln um 3:00.
Und natürlich recherchiere ich wieder in der Nacht - diesmal aber nicht wegen eines vorzeitigen Heimflugs, sondern die Tage bis
Prince George, in denen die Stützpunkte noch dicht liegen. Und im Notfall haben sie dort einen Flughafen ... Ein mögliches
Ausstiegssszenario ist so wie bei mancher Bergwanderung immer beruhigend, auch dann, wenn man nicht vor hat, es zu nutzen.
Und ich habe damit schon mal ein mittelfristiges Ziel.
Wäre ich aufs Zelt angewiesen, dann würde ich heute wieder das Umdrehen überlegen oder zumindest einen Tag aussetzen, denn
das Wetter ist wieder regnerisch und kalt angekündigt, der Schnupfen wird von einem leichtem Husten abgelöst. Die Reservierung
aber ist beruhigend und ich starte um 8:50 nach einem guten Frühstück im "Blue Moose" wieder mit der Regenkleidung, allerdings
bei einem Wetter, das etwas besser ist, als angekündigt.
Am Start ergibt sich noch ein nettes Gespräch mit anderen Gästen über meine Tour und das Wetter. Fast beruhigend meint der Mann,
dass es sowieso heitßt: "westcoast is wetcoast" - es ist also Zeit, hinter den Mountains zu verschwinden, die den Pazifik
abschirmen.
Die Strecke führt bei etwa 13 Grad, manchmal Regen, manchmal Sonne durch eine "Tiroler Gebirgslandschaft", auch einige Tunnels
sind dabei. Manchmal muss ich davor einen Knopf drücken, dann blinken die gelben Lichter über der Tunneleinfahrt.
"Cyclists must push button to warn of presence in tunnel" steht da auf einem großen Schild davor. Die ersten Eindrücke der
Landschaft gehen schon unterwegs per Signal-Chat an Sylvia, die mir liebe Grüße von den beiden älteren Enkelinnen schickt.
Ohne echte Pause bin ich um 13:00 am Ziel, dem gestern gebuchten "The Mighty Fraser Motel". Im "Fat Jack's" daneben gibt's
gleich das lange überfällige Lunch, einen Burger. Der Nachmittag vergeht mit einer Recherche der Stützpunkte bis ans
Gesamtziel, die noch einige positive Ergebnisse liefert. Die Zuversicht, mein Ziel tatsächlich erreichen zu können, wächst
dadurch ganz deutlich. Ich muss nur manchmal sehr lange Strecken bewältigen, morgen steht ein erster Test bevor, ich habe in
Cache Creek reserviert.
Das Abendessen wäre im "Alpine Canyon Restaurant", einen Kilometer Fußmarsch daneben eingeplant. Am zugehörigen RV-Park sagt
man mir aber, dass die Eintragung falsch ist, das Restaurant, in dem ich auch das Frühstück morgen geplant hätte, gibt es
nicht mehr. Die Dame aber ist hilfsbereit und bietet mir an, ein Frühstück und ein Lunch zu machen, denn auch in Spences Bridge
werde ich nichts finden! Vermutlich liegt das an den dortigen Waldbränden in 2024 während unserer Wohnmobiltour.
Zum Abendessen muss also auch das "Fat Jack's" herhalten. Passt so. Das Wetter ist für morgen trocken angesagt, und auch der
Wind kommt voraussichtlich aus der richtigen Richtung. Gut für 120 Kilometer und viele Höhenmeter. Guten Morgen daheim.
Tag 04: 122 km, 1160 hm, maximale Höhe 489 m
Gesamtstrecke: 375 km, 2341 hm, 4 Tage, daher: 94 km/d
Die letzte Nacht bin ich nur mehr sehr kurz um 3:00 wach geworden, der Biorythmus fordert noch immer seinen Tribut, aber ich
glaube, ich habs bald. Von 21:00 bis 6:00 schlafen mit kurzen Unterbrechungen sollte reichen :-).
Zu Fuß gehe ich um das versprochene Frühstück und das Lunch, esse "daheim" und stelle wieder die Abfahrbereitschaft her. Wieder
ist es "cold and cloudy" bei der Abfahrt um 8:20. Dieses Mal sind sogar die Ärmlinge unter der Regenjacke notwendig.
Zum Ausgleich gibt es kräftigen Wind von hinten, der den ganzen Tag so bleibt - manchmal spüre ich sogar bergauf seinen Schub.
Entsprechend der Höhenmeter wechselt schweißtreibendes Bergauf mit schnellem Bergab. Zu Beginn zeigt sich der Tag als
verkehrsarmer Sonntag, die Sonntagsruhe ist hierzulande aber offensichtlich kein Gesetz, denn bald gesellen sich wieder die
Trucks dazu und auf den Baustellen wird sogar gearbeitet. Die Landschaft ist bis Lytton wie gestern, die Spuren aus den
Waldbränden in 2022 und 2024 sind deutlich sichtbar. Von Vancouver bis Lytton bin ich eigentlich dem Fraser River gefolgt,
jetzt wechsle ich ins Tal des Thompson River. Damit verändert sich auch die Landschaft: Es bleibt bergig, der Bewuchs erinnert
aber eher an die Sahara als an Tirol.
Ich bin stolz darauf, dass ich schon am vierten Tag die Fahrt mit großer Ruhe angehe, ich muss nicht schnell sein und darf für
das eine oder ander Foto sogar anhalten. Die Kleidung wird nach und nach reduziert, am Ende bin ich im Sommer-Outfit.
Um 12:10 ist Spences Bridge erreicht und entgegen der gestrigen Information hat das "The Packing House" geöffnet. Mein
mitgebrachtes Lunch esse ich vor der Tür, dann aber gibt es dort Kaffee und Bananenbrot.
Der nächste Stopp ist in Ashcroft, dort habe ich gestern den einzigen Bankomaten auf der Strecke gefunden, an dem ich mir
schnell noch ein wenig Bargeld hole. Ich glaube zwar nicht, dass ich auch nur einen Cent davon brauche, aber man kann ja nie
wissen. Standard ist hier, dass man alles mit dem Telephon oder der Karte zahlt.
Um 15:10 bin ich im Sandman Inn in Cache Creek, buche nach einem Blick auf die Wettervorschau und im Vertrauen auf meinen
mentalen Zustand Quartier für morgen und übermorgen, überlege die Möglichkeiten zur Nahrungsaufnahme an diesen Tagen und
kümmere mich schließlich um das Schreiben und Abendessen. Im Sandman Inn gibt es ein einfaches griechisches Lokal mit blondem
Koch und einer Kellnerin von den First Nations hier. Das Bier stammt aus den USA, aber die Musik passt zu meinem Souvlaki.
Optimistisch stimmt mich eine erste Analyse meines Zustands: Der Kopf ist auf Angriff, die Muskulatur wie am ersten Tag und den
kleinen roten Fleck am Popo, der den vielen Bergwertungen geschuldet ist, den krieg ich mit meiner täglich geschmierten
Baby-Popo-Creme Lasepton ganz sicher in den Griff. Und übrigens habe ich die angekündigten Schlaf- und Beruhigungsmittel gar
nicht erst ins Reisegepäck gegeben, es läuft also alles unplugged, ohne Netz und doppeltem Boden :-).
Tag 05: 113 km, 953 hm, maximale Höhe 1205 m, 22 km/h (Schnitt über die Zeit, in der sich die Räder drehen)
Gesamtstrecke: 488 km, 3546 hm, 5 Tage, daher: 98 km/d
Der Jetlag scheint überwunden zu sein. In der vergangenen Nacht musste ich nur mehr aus den gewohnten Gründen aufstehen, die
mein Urologe als "altersgemäß" bezeichnet. Auch die Lasepton-Salbe hat ihren Auftrag zu meiner Zufriedenheit erledigt, nach der
heutigen Ankunft muss die Behandlung allerdings sofort wiederholt werden.
Auf der Tankstelle gegenüber vom Motel bin ich um 7:00 der erste Frühstücksgast, bestellt wird das "hungry man breakfast",
damit ist der Bedarf bis zum Ziel fast gedeckt.
Einpacken und Vorbereiten des Starts sind schon Routine, alles hat seinen Platz.
Um 8:40 geht es los, es ist sonnig und frisch, die Windjacke sollte reichen. Der Wind kommt wieder wie versprochen den ganzen
Tag von hinten. Die Asphaltqualität ist streckenweise belastend für Popo und Bandscheiben, aber ich habe schon schlimmeres
erlebt. Vor allem wirken sich die breiteren, nicht so knallhart aufgepumpten Reifen und die Geometrie des Rads dämpfend auf
die Schläge aus.
Auf der Karte hat alles sehr flach ausgeschaut, tatsächlich aber geht es zwar immer wieder bergab, insgesamt aber kontinuierlich
weiter rauf. Nach 30 Kilometern stehe ich auf einem Pass in 870 m Seehöhe. Dass ich schließlich auf über 1200 rauf muss, ist
mir (glücklicherweise) zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Ein bisserl fühlt sich wieder alles wie Tirol an.
Natürlich geht es danach rasant berhab, durchgefroren erreiche ich Clinton. Dort steht vor einem Lokal in großen Lettern:
"cozy and warm" - Es gibt heißen Kaffee und Torte. Ich will mich schon wärmer anziehen, da sagt mir die Kellnerin, dass es
nach 100 Mile House noch zweimal bergauf geht, die erste Etappe ist die stärkste und beginnt ziemlich bald.
Ich schwitze also nochmal kräftig, ein Großteil der restlichen Strecke verläuft dafür über eine wunderschöne Hochebene. Dort
liegt auch 70 Mile House, ein Dorf mit 5 Häusern. Ein Stopp beim dortigen Store bringt nochmals heißen Kaffee.
Ein wenig beginnt sich die Hochebene zu ziehen, die letzten 7 oder 8 Kilometer nach 100 Mile House erledigt aber die
Schwerkraft :-). Um 14:50 bin ich am Ziel, auf etwa 900 m Seehöhe und darf mir im Motel meiner Wahl sogar einen Raum aussuchen,
in dem ich mein Rad optimal unterbringe. Bemerkenswert ist, wie man hier die Handtücher gestaltet.
Das übliche Prozedere (Duschen, Planen, Lichter laden, Fotos sichern, ...) ist schnell erledigt, ein kleiner Rundgang zeigt,
dass er aus optischen Gründen nicht notwendig gewesen wäre, die Ortsbilder hier sind nicht vergleichbar mit europäischen.
Aber ich finde dabei ein Lokal fürs morgige Frühstück und das heutige Abendessen. Von außen schauen auch die nicht einladend
aus, drinnen aber sind sehr viele Lokale immer gemütlich.
Gute Musik in angenehmer Lautstärke hebt dabei die Stimmung. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass die Leute hier mehr in die
tägliche Lebensqualität als in die Schönheiten investieren. Das gilt auch für die Kleidung. So, wie viele Männer hier
angezogen sind, das würde bei unseren Frauen nie durchgehen :-). Und das alles gilt nach meinen Erfahrungen in einem Großteil von
Nordamerika. Auch das Essen beschränkt sich zumindest in Kanada nicht mehr nur auf Fastfood. Und die Preise dafür sind sehr
in Ordnung.
In "Jake's Pub and Grill" sitze ich jetzt und schreibe. Wie bei jeder bisherigen Kommunikation freue ich mich auch hier wieder
darüber, dass ich mit Duolingo brav Englisch gelernt habe. Ich kann gute, informative und auch witzige Gespräche führen. Das
tut gut. Und am Accent erkennen die Leute sofort, dass sie ein bisserl weniger Dialekt sprechen müssen.
Tag 06: 92 km, 215 hm, maximale Höhe 967 m, 24 km/h (Schnitt über die Zeit, in der sich die Räder drehen)
Gesamtstrecke: 580 km, 3761 hm, 6 Tage, daher: 97 km/d, 626 hm/d
Die Nacht war gut, abgesehen von der Raumtemperatur - die Heizung lässt sich (wahrscheinlich absichtlich) nicht in Betrieb nehmen.
Auf dem Weg zum Früstück bei Smitty's werden wie immer die ersten Überlegungen zur Kleidung gemacht. Die Wahl fällt
leider wieder auf Regenkleidung, das volle Programm, auch die Regenschuhe. Dazu kommt ein 2. Unterleiberl, weil es kalt ist.
Um 8:40 geht es los. Es regnet den ganzen Tag, mal weniger, mal mehr bis viel. Dank der relativ flachen Strecke - insgesamt
geht es bergab - ist es aber nicht so scheußlich, wie erwartet. Das Wissen um ein trockenes Quartier am Nachmittag nimmt Streß.
Außerdem gehe ich es mit aller Ruhe an, einfach altersgemäß ;-).
Möglichst wenig schwitzen unter der Regenkleidung ist angesagt. Und schnelles Treten führt durch die doch etwas einengende
Regenkleidung zu mehr Abrieb am Hintern, der allerdings durch den heute leichteren Rucksack entlastet ist. Dort ist nämlich immer
die Regenkleidung drin...
Nicht überraschend, aber ein Lichtblick bei dem Wetter ist, dass ich am "Cariboo Highway", auf dem ich den heutigen Tag
verbringe auch wirklich Cariboos sehe, direkt auf der anderen Straßenseite. Die beiden Bisons waren zu weit weg für die
Kamera.
Noch bin ich in für amerikanische Verhältnisse ziemlich dicht besiedeltem Gebiet, aber über die Tagesverpflegung sollte schon
vorher nachgedacht werden, wenn nur mehr alle 30 bis 50 Kilometer ein Store, eine Tankstelle oder ein Cafe zu finden ist.
Ich nehme daher alles, was es heute gibt (nach gestrigem Check): Nach 35 Kilometern Kaffee und ein kleines Schälchen
Rice Pudding, und 15 Kilometer vor dem Ziel in Williams Lake eine Pizzaschnitte. Konsumiert wird im Stehen - da kann das
Wasser besser abrinnen von meiner Kleidung ;-).
Die letzten 10 Kilometer sind von Starkregen begleitet, glücklicherweise verlaufen sie bergab (Durch eine Fehlbedienung meiner
GoPro gibt es davon zufällig ein Video, dessen Bearbeitung aber erst daheim erfolgt). Um 13:40 ist der Check-In in der
Slumber Lodge erledigt. Diesmal liegt das Zimmer im ersten Stock und ist über eine Außentreppe zu erreichen. Das Rad kommt
wie üblich trotzdem mit.
Eine heiße Dusche und das Trockenlegen der Ausrüstung haben heute oberste Priorität. Mein Zustand und der Verlauf des nächsten
Streckenabschnitts lassen mich schnell ein Zimmer in Quesnel buchen und dann beginnen wieder ein wenig Recherche und der
gemütliche Teil des Tages
Trotz des Sch...wetters gibt's wieder einige Fotos. Für einen vollständigen Eindruck des Tages sind aber neben dem Sehsinn
noch weitere Sinne notwendig: Da ist der Tastsinn, der es fühlt, wie der Regen ins Gesicht spritzt und das Wasser langsam
von unten in die Schuhe eindringt, wenn die Gischt ins Gesicht spritzt und dabei der feine Sand zwischen den Zähnen knirscht,
wenn man von einem Truck überholt wird. Da ist der Gleichgewichtssinn, der dabei zusätzlich gefordert ist, weil der Luftdruck
und das Spritzwasser einem aus der Bahn werfen. Und da ist der Gehörsinn, der heute durch starken Verkehr und das Prasseln des
Regens zum Einsatz kommt.
Und wenn man dann am Abend im Trockenen sitzt bei einem guten Essen und einem kühlen Bier, dann war das alles super. Es macht
zumindest zufrieden, es geschafft zu haben.
Zufrieden bin ich auch mit meiner Ausrüstung: Jacke, Hose und Helmcover sind absolut dicht,
das Shirt darunter war am Ende vollkommen trocken. Auch die Packtaschen sind absolut dicht - und wackeln übrigens kein
bisschen. Das Handy funktioniert auch bei diesem Wetter absolut einwandfrei zum Navigieren. Die Gopro am Lenker ist eine echte
Outdoor-Kamera. Und die Sonnenbrille ist als Regenbrille einsetzbar, weil die Tönung des Glases sich mit der Intensität der
Sonnenstrahlung verändert. Nur die Füße werden nass, durch die unvermeidbaren Öffnungen an der Unterseite für die Clips dringt
irgendwann das Wasser ein. Aber durch die Ausführung aus Neopren bleiben die Füße wenigstens warm.
An den 6 Tagen, die ich bis jetzt gefahren bin, war übrigens nur EINER ohne Regen - der erste, wahrscheinlich zur Motivation.
Mit schlampiger Interpretation der Wahrscheinlichkeit sollte es damit jetzt endlich besser werden :-).
Tag 07: 120 km, 668 hm, maximale Höhe 863 m, 22 km/h
Gesamtstrecke: 700 km, 4429 hm, 7 Tage, daher: 100 km/d, 633 hm/d
Natürlich regnet es am Morgen noch immer, aber ein paar kleine blaue Flecken am Himmel, die ich auf dem Weg zum Frühstück entdecke,
machen Hoffnung, dass die Wettervorhersage stimmt. Leider sagt sie auch Regen in Quesnel voraus, etwa um die Zeit meiner
geschätzten Ankunft...
Aber mein Material ist über Nacht wenigsten gut durchgetrocknet, also wieder einsatzbereit.
Frühstückslokal ist heute Denny's, eine mir seit 2022 bekannte Restaurant-Kette. Aus Tradition gibt es den "Lumberjack Slam",
damit kann man schon ein Stückerl fahren. Schnell kaufe ich noch etwas Tages- und Notverpflegung und um 9:15 geht es mit
warmer Kleidung los.
Gleich am Anfang führt eine kräftige Bergwertung aus Stadt, weiter am Cariboo-Highway. Die Landschaft liefert zunächst nix
besonders neues, es bläst kalter Gegenwind.
Nach 44 Kilometern erfolt der erste geplante Zwischenstopp am McLeese Lake mit "Toilets, Coffee and Sandwich". Ein wenig kann
ich dabei schon die Kleidung reduzieren, denn fallweise werfe ich schon einen ganz schwachen Schatten, aber es bleibt noch
kühl bei 16 Grad.
Relativ bald danach erfolgt die Abfahrt ins Tal des Fraser River, ja schon wieder der gleiche. Der hat einen sehr eigenartigen
Verlauf. Es wird wärmer dort unten, über die Minimalkleidung hinaus ist daher nur mehr die leichte Windjacke notwendig.
Relativ flach geht es weiter. Es gibt wie schon vorher recherchiert keine Stützpunkte mehr, aber die Gegend ist nicht
einsam. Immer wieder finden sich Farmen oder Gruppen kleiner Häuser in Sichtweite. Der Verkehr ist vorhanden, aber relativ
ruhig. Zusammen mit dem Wetter entspannt das. Das könnte übrigens genau so für die nächsten Wochen bleiben! Manchmal bummle
ich sogar schon und mache Fotos, auf denen man die Straße nicht sieht - das heißt, dass ich extra dafür stehengeblieben bin.
Man erkennt übrigens die Stopps am Track an den roten Marken, von denen es heute offensichtlich mehr als gestern gibt. Und ich
freue mich über anerkennend grüßende Motorradfahrer bei einer kurzen Bergwertung (300 Umdrehungen ;-))
Zum Zeitvertreib bei langen Strecken ist heute die 12er-Reihe dran: Immer dann, wenn der Kilometerzähler ein Vielfaches von 12
zeigt, dann darf ich mich über weitere 10 Prozent der Tagesstrecke (120 km) freuen. Und ich kann über die "right lane" ein
wenig philosophieren: Zu 99 Prozent ist sie vorhanden, trotzdem ist sie nicht immer meine Spur. Manchmal ist sie mir einfach
zu eng, vor allem dann, wenn es rasant bergab geht. Und manchmal vermeide ich sie, weil dort sehr viel herumliegt: Steine,
Glassplitter, Holzstücke, Autoteile, Abfall, tote Tiere, ...
Vor dem etwas heruntergekommenen RV-Park "The Alamo" pausiere ich, um meinen Apfel zu essen und den Hintern ein wenig zu
entlasten. Der Betreiber plaudert ein wenig mit mir: 1994 hat er die Strecke, die ich bis jetzt gefahren bin in 3 Tagen erledigt,
da war er gut in Form, aber heute spricht er nur mehr vom Radfahren ...
Die letzten Kilometer sind danach rasch erledigt, leicht fallend mit Rückenwind bis zum "Ramada by Wyndham Quesnel". Kurz
nach 16:00 bin ich eingescheckt. Ohne lange zu überlegen buche ich ein diesmal etwas besseres Motel in Prince George für
zwei Tage. Es wird dort einen Pausen- und Organisationstag geben. Und ich werde dort NICHT zum Flughafen fahren :-)
Natürlich spüre ich den Hintern ein wenig, aber es geht mir physisch und psychisch gut, und das sollte so bleiben!
Ein Abendessen bei "Mr Mikes" liefert mal einen positiven Beitrag dazu :-).
Tag 08: 120 km, 812 hm, maximale Höhe 847 m, 21 km/h
Gesamtstrecke: 820 km, 5241 hm, 8 Tage, daher: 103 km/d, 655 hm/d
Die Schlafqualität ist ab heute kein Thema mehr, wenn es keins mehr wird :-). Ich genieße ein halbwegs gutes Frühstück im
Motel, auf Porzellan und im Preis inbegriffen.
Bewölkt mit kleinen blauen Flecken präsentiert sich der Himmel, nur mit der leichten Windjacke als oberste Schicht geht es
daher um 8:20 los. Am Anfang regnet es ganz leicht, das ist aber wurscht, weil es sowieso wieder mal gleich bergauf geht:
Nach einer guten Stunde bin ich erst 15 Kilometer weiter, aber schon um 350 Meter höher.
Um 11:40 ist mit Hixon die erste Hälfte der Tagesstrecke abgespult. Dort liegt der einzig mögliche Stützpunkt für heute. In
einer Gemischtwarenhandlung bediene ich mich bei den Hot dogs und den Kaffeebehältern, kann mich setzen und aufs Klo gehen.
Ein Muffin kommt für einen weiteren Stopp noch in den Rucksack.
Eigentlich wollte ich ja weniger Kaffee trinken, in Nordamerika ist der aber einfach "immer und überall" und sowieso so
leicht, dass man ihn wie Wasser trinken kann. Mir schmeckt er.
War die erste Tageshälfte von der Bergwertung am Anfang dominiert, so geht es nach der Pause zwar nochmal kräftig bergauf,
dann aber in rascher Fahrt nach Prince George, nur unterbrochen durch eine Stehpause im Irgendwo zum Verzehr des Muffins.
Am Ziel, dem "Sandman Signature", habe ich zwei Nächte gebucht. Um 15:20 bin ich eingecheckt. Das Zimmer
liegt in floor 4, mein Rad darf (es gibt einen Lift) mit dorthin. Das ist nie ein Thema.
Meine Wahl fiel aus zwei Gründen auf dieses Hotel. Erstens liegt es sehr günstig, nämlich gleich nach der Abzweigung vom
Cariboo Highway 97 auf den Highway 16, auf dem ich mich die nächsten Tage Richtung Nordwesten bewegen werde. Und zweitens darf
es für den Pausentag mal was besseres sein - bis jetzt war ich sehr preisbewusst unterwegs.
In Anbetracht des guten Hotels kann man sich natürlich fragen, warum ich noch nicht im Zelt geschlafen habe und die
Annehmlichkeiten der Zivilisation genieße. Die einfache Antwort: Weil es (noch) geht! Ich weiß, dass da noch andere Abschnitte
kommen, ich werde aber immer optimieren. Vielleicht kann man auch anders vorgehen, nämlich sich von vornherein an bescheidenere
Verhältnisse gewöhnen, zur schlechteren Wahl zwingen, um dann am Ende der mentalen und physischen Kräfte zu sein, wenn es
wirklich notwendig ist. "Verwöhn dich nicht, was machst du dann, wenn's nicht anders geht", höre ich viele, vor allem meine
Vorfahren sagen. Ganz einfach: "Dann geht's eben nicht anders". Und sollte ich am Ende der Reise feststellen, dass ich das Zelt
unnötig mitgeschleppt habe, dann gibt es auch eine einfache Antwort darauf: "Möge mir nichts Schlimmeres passieren".
Nach der üblichen Versorgung von Mann und Material und einem schnellen Rundgang, um die Möglichkeiten für die morgigen
Aufgabenstellungen zu checken, spüre ich zum ersten Mal Müdigkeit, vielleicht deswegen, weil ich sie im Bewusstsein des
Pausentags auch zulasse.
Und bei einem guten Abendessen im Rockford Grill im Gebäude des Hotels bringe ich diese Zeilen
"zu Papier". Ein paar Gedanken zu meinem zweiten Geburtstag dürfen dabei nicht fehlen. Genau heute vor einem Jahr habe ich den
Radunfall in Paudorf gehabt. Den ganzen Tag habe ich natürlich versucht, mich durch die Bilder davon in meinem Kopf nicht von
der Fahrt ablenken und verunsichern zu lassen. Aber wir wissen alle, wie das mit den blauen Elefanten ist, an die man nicht
denken soll, wenn man davon spricht :-).
Mehr als sonst ist mir heute bewusst, dass nichts im Leben selbstverständlich ist, dass es ein Geschenk des Lebens ist, dass
ich diese Tage und Wochen das tun kann, was ich tue. Und schon den ganzen Tag feiere ich diesen Geburtstag, indem ich die
Schönheiten der mich umgebenden Welt und einfach nur das Dasein genieße. Vielleicht gibt es daher auch weniger Fotos heute,
weil ich das Wahrnehmen für wichtiger empfunden habe, als das Betätigen des Auslösers (Bei der GoPro geht das übrigens mit
Sprachbefehl, damit ich die Hände nicht vom Lenker nehmen muss. Nur bei schnellem Fahrtwind oder großem Verkehrslärm versteht
sie mich nicht - dann gibt es eben kein Foto, weil ich gerade dann die Hand NICHT vom Lenker nehme):
Tag 09: 0 km (ausgenomen Fahrt zum Radstore), 0 hm, maximale Höhe 574 m (Prince George), 0 km/h
Gesamtstrecke: 820 km, 5241 hm, 9 Tage(8 Fahrtage), daher: 91(103) km/d, 582(655) hm/d
Ich wage heute schon mal einen Blick nach vor:
Offen nach Fairbanks: 2561 km, 32 Tage. Ich habe also 24 Prozent der Gesamtstrecke in 22 Prozent der Zeit geschafft.
Während des Frühstücks im Haus nütze ich die Münz-Wäscherei. Es ist zwar noch nicht wirklich notwendig, aber es passt grad gut,
weil ich Zeit habe. Und die nächste für mich sinnvolle Möglichkeit erwarte ich erst in Watson Lake.
Bei dem kalten Wetter habe ich kaum geschwitzt und die Unterhosen werden in den wenigen Stunden auch nicht wirklich strapaziert.
Am schlimmsten schaun die Handschuhe aus, da steht bei der Werbung immer dabei, dass es einen Bereich aus "nose-friendly material"
gibt - die wissen, warum sie das so machen und ich hab's intensiv genutzt ;-)
Die übliche Morgentoilette wird heute um das Rasieren erweitert. Das verringert zwar den Luftwiderstand nicht wirklich, aber
ich fühle mich frischer und um 10 Jahre jünger :-). Und beim anschließenden Video-Telefonat mit meiner Frau kann ich vielleicht
ein wenig punkten :-).
Ein Hotel für morgen in Vanderhof ist rasch reserviert. Dann fahre ich zu "sportcheck", um meinem Rad ein Service zukommen zu
lassen. Ich glaube, dass ich da so einen Diskonter erwischt habe, bei dem man sehr viel Ramsch kaufen kann.
Der Mann am Serviceschalter freut sich zwar, von einem "Weitgereisten" einen Auftrag zu bekommen, macht mich aber leicht nervös,
als er ohne Rücksicht auf die Speichen mein Fahrrad in einen Radständer(!) geben will. Das gibt es in keinem echten Radstore.
Mein Zuruf verhindert das, meine Erklärung stößt auf Verständnis, aber ich bleibe unruhig. Der (eine halbe Stunde zu spät
erscheinende) Servicetechniker scheint mir dann aber doch kompetent genug, dass ich ihm mein Rad überlasse. Bei der Abholung
bekomme ich sogar noch ein paar gute Tips und einen guten Preis (etwa 9 Euro).
Die Wartezeit überbrücke ich bei McDonalds und mit Proviantbeschaffung. "Daheim" wird auch die restliche Ausrüstung gepflegt
und ein wenig die Packordnung verändert. Ich plane alle Stützpunkte bis Watson-Lake, reserviere die ersten paar und nehme per
mail Kontakt mit dem Campingplatz in Kitwanga auf. Am Nachmittag kommt nach einer kleinen Mahlzeit etwas Müdigkeit und ein
kleines bisserl Langeweile auf. "Radio Wien" über Internet hebt mit guter Nachtmusik die Stimmung.
Gestern Abend war ich noch auf ein Guinness im Nachbarlokal, einem Brauhaus. Es entspricht aber nicht meinen Vorstellungen,
also wähle ich für den heutigen Abend nochmal das Rockford Grill im Haus. Die sind bei meinem Eintreffen aber grad am Zusperren,
weil durch einen Stomausfall alle ihre Systeme "out of order" sind. Auch die Lokale in der Umgebung sind betroffen. Böse
Erinnerungen an 2024 werden wach, denn damals war auch ein Stromausfall in Hope das "Tüpfelchen auf's I", das mich zum Umkehren
gebracht hat. Dieses Mal aber esse ich zunächst mein Notproviant, werde vom Lokal angerufen mit der Versicherung, dass das
Frühstück morgen geht und stelle bei einem Rundgang fest, dass alles wieder läuft und ich morgen vor der Abfahrt in den
Geschäften der Umgebung oder am Weg auf den Tankstellen meinen Notproviant wieder auffüllen kann und MUSS, denn der nächste
Stromausfall kann schon morgen wieder sein.
Es hilft zwar nur beschränkt, ist aber interessant, dass man sich im Internet einen Überblick über die Stromausfälle, die
Ursachen und die voraussichtliche Dauer machen kann:
E-Werke Britisch Columbia
Im heutigen Fall um Prince George war ein Autounfall Schuld. Bei uns sind schon viele Erdkabel verlegt, damit ist eine solche
Ursache schon unwahrscheinlich.
Fotomotive sind heute kaum zu finden, denn Prince George ist eine typisch amerikanische Stadt: Keine (historisch) interessanten
Gebäude, praktisch nur Flachbauten, alles ist im Wachsen und geht großzügig in die Fläche - davon haben sie hier einfach genug.
Ein Denken, das auf die Kleinräumigkeit Mitteleuropas aufbaut, ist hier im ganzen Land nicht sinnvoll anwendbar. Ein Blick aus
dem Fenster des Hotels und ein Bild, das Maria mir zukommen hat lassen, passen sehr gut dazu. Die Bedeutung des Autos wird
angesichts der Entfernungen und nur sehr selten vorhandener öffentlicher Verkehrsmittel auch klar.
Tag 10: 97 km, 582 hm, maximale Höhe 847 m, 22 km/h
Gesamtstrecke: 917 km, 5823 hm, 10 Tage(9 Fahrtage), daher: 92(102) km/d, 582(647) hm/d
Offen: 2466 km, 31 Tage
geschafft: 27 Prozent der Strecke in 24 Prozent der Zeit, die mir zur Verfügung steht.
Beim ersten Blick aus dem Fenster präsentiert sich der Tag mit blauem Himmel, das motiviert. Frühstück ist (wegen Samstag)
erst ab 8:00 möglich, ich bin dort der Erste und habe schon fast alles eingepackt, gedehnt und sogar eine Duolingo-Session
hinter mir.
Endlich klicken um 9:15 wieder die Pedale und es geht raus aus der Langeweile der Stadt. Gleich am Anfang stelle ich fest,
dass die Städte hier alle unten liegen: Bei der Ankunft geht es runter, und heute bin ich nach fünfeinhalb Kilometern schon
wieder um 160 Meter höher. Der ganze Tag ist aber bei diesen Wetterbedingungen einfach zu meistern. Nur die frisch gewaschene
Hose zwickt ein bisserl und hinterlässt bis zum Abend wieder ein kleines rotos Fleckerl am Popo. Anfang und Ende einer
Bergwertung sind oft gut vorhersehbar: erst gibt es eine "chain up area", dann eine "chain off area". Ich spüre, dass mir
der Pausentag gut getan hat.
Die Landschaft und die Vegetation erinnern mich den ganzen Tag an eine Mischung aus flachem Waldviertel und dem nördlichen
Teil von Finnland.
Der Tag verläuft mit einem angenehmen Wechsel zwischen leichtem up and down. Es geht nie zu steil bergauf, und bei den
fallenden Teilen befriedigend schnell. Immer wieder sind Berge am Horizont sichtbar, ich nähere mich wieder an die Rockies an.
Nach 14 Kilometern besorge ich wie geplant ein wenig Notproviant an einer Tankstelle, bekomme aber nichts lange haltbares. Und
um 11:50, ziemlich genau auf halber Tagesstrecke kaufe ich mir, auch wie geplant, ein 2. Frühstück in der "eatery".
Beim Reingehen merke ich wieder einmal, dass auch Frauen Augen im Kopf haben, die sich dann ganz kurz den "nice legs" zuwenden.
Und ein (männlicher) Gast fragt nach dem Woher und Wohin, nach meinem Alter und konstatiert mir "a good shape". Der Besuch
des Lokals ist also nicht nur für das physische Wohlbefinden gut :-).
Irgendwo treffe ich noch auf einen anderen bepackten Radfahrer, der in die Gegenrichtung unterwegs ist und gerade einen Platten
repariert. Er versichert mir, dass er alles im Griff hat und ich daher weiterfahren kann. Dann gibt's noch eine Pause für
meinen mitgebrachten Apfel und um 15:00 bin ich im "North Country Inn" in Vanderhoof eingecheckt.
Schnell ist ein Quartier in Houston für Montag gebucht (für den morgigen Sonntag hab ich schon eins). Ich freue mich über eine
bestätigende und informative Mail des "Kitwanga River RV Campgrounds" und schreibe ein paar Zeilen zurück.
Die Organisation des Abschnitts bis Watson Lake ist von besonderer Bedeutung für mich, da es hier sehr wenige Stützpunkte gibt,
aber sehr viel Strecke. Der Abschnitt war bei den mißlungenen Versuchen ein wesentlicher Angstgegner für mich. Jetzt halte ich
mich an meine schon daheim erstellte Marschtabelle. Die Tagesziele kommen bei meinen Touren immer schon in den Kalender, bis jetzt
aber nur ein bis zwei Tage im Vorhinein, dieses Mal schon bis Watson Lake. Und neu ist auch die Verwendung unterschiedlicher
Farben: zunächst in Gelb zur Grobplanung, und nach Bestätigung des Quartiergebers in Grün für "freie Fahrt". Bis Kitwanga ist
nur mehr ein Eintrag gelb, und der wechselt morgen (hoffentlich) auf grün. Dann müssen nur noch das Wetter passen und Körper
und Psyche so bleiben, wie sie sind ...
Über ein gutes Abendessen, das ein wenig an die österreichische/deutsche Küche erinnert, freue ich mich im Restaurant
nebenan, das zum Motel gehört. Der Ortsname "Vanderhoof" hängt mit einer niederländischen Geschichte zusammen.
Bei einem kurzen Verdauungsspaziergang finde ich wieder kein Fotomotiv. Es ist noch sehr warm und eigentlich schon all die
Tage lang hell am Abend. Das liegt sicher daran, dass ich schon weit im Norden bin.
Zum Fertigschreiben des Tagebuchs setze ich mich nochmals ins Restaurant.
Die letzten Fotos sind von der Einfahrt in Vanderhoof - zur Darstellung eines typischen Ortsbilds.